Polen ist in eine institutionelle Krise geraten, nachdem Präsident Karol Nawrocki am 1. Dezember 2025 sein Veto gegen den umfassenden Crypto-Asset Market Act eingelegt hat. Das Gesetz hätte eines der strengsten Krypto-Regime der EU geschaffen und weitreichende Eingriffe in digitale Freiheiten ermöglicht. Nawrocki warnte, das Gesetz bedrohe die bürgerlichen Freiheiten, das Eigentum der Polen und sogar die staatliche Stabilität. Besonders umstritten war die Möglichkeit, Krypto-Webseiten mit wenigen Klicks zu blockieren. Der Entwurf geht nun zurück an die Diät, die ihn nur mit einer Mehrheit von drei Fünfteln wiederherstellen kann.
Der Text sollte ursprünglich die EU-Regulierung MiCA umsetzen, gleichzeitig aber eine nationale Zusatzschicht mit extrem harten Auflagen schaffen. Die Finanzaufsicht KNF hätte weitreichende Befugnisse erhalten: verpflichtende Lizenzen für sämtliche Plattformen, deutlich erhöhte Kapitalanforderungen, umfangreiche Compliance-Pflichten sowie drastische finanzielle und strafrechtliche Sanktionen. Offiziell wollte Polen damit den Anlegerschutz stärken – in einem Land, in dem mehrere Millionen Bürger bereits Krypto-Exposure besitzen.
Prezydent RP @NawrockiKn odmówił podpisania ustawy o rynku kryptoaktywów.
‼️ Zdaniem Prezydenta, zawetowane przepisy realnie zagrażają wolnościom Polaków, ich majątkowi i stabilności państwa. https://t.co/ZBXaZg5uQI pic.twitter.com/27n7gpAayF
— Kancelaria Prezydenta RP (@prezydentpl) December 1, 2025
Für große Teile des Ökosystems ging der Entwurf jedoch zu weit. Ökonomen wie Krzysztof Piech und Oppositionspolitiker Tomasz Mentzen warnten vor einem bürokratischen Mammutgesetz, das Start-ups ins Ausland treiben könnte. Länder wie Litauen oder Malta würden profitieren, während Polen Arbeitsplätze, Innovationen und Steuereinnahmen verlieren würde.
Die Verteidigungslinie des Präsidenten
Nawrocki erklärte, das Kernproblem sei die digitale Freiheit. Die vorgesehenen Domain-Sperren seien zu intransparent, die Kriterien zu weit gefasst und die Listen potenziell nicht öffentlich einsehbar. In einem politisch polarisierten Land wolle er der Verwaltung keinen „Off-Button“ geben, mit dem morgen auch völlig legale Plattformen abgeschaltet werden könnten.
Zudem kritisiert die Präsidentschaft den Aufbau des Gesetzestextes. Während andere EU-Länder schlanke MiCA-Umsetzungsgesetze verabschiedeten, habe Polen einen Wust aus Artikeln, Querverweisen und Sonderpflichten geschaffen. Dies hätte große Rechtsunsicherheit geschaffen – insbesondere für kleinere Unternehmen. Während große internationale Exchanges zusätzliche Compliance-Kosten tragen können, wäre für junge Firmen der Markteintritt nahezu unmöglich geworden.
Ein weiterer Streitpunkt sind die vorgesehenen Aufsichtsgebühren. Diese verpflichtenden Beiträge hätten Start-ups unverhältnismäßig stark belastet, während internationale Großbanken oder börsennotierte Konzerne kaum betroffen wären. Nawrocki sieht darin eine Wettbewerbsverzerrung, die den Markt zugunsten einiger weniger Riesen – oft aus dem Ausland – zementiert hätte. Sein Veto, so der Präsident, sei daher ein „pro-Wettbewerb“-Schritt und kein „pro-Krypto“-Signal.
Die Regierung wirft dem Präsidenten Chaos vor
Die Regierung reagierte scharf. Finanzminister Andrzej Domański warnt, dass bereits heute rund 20 % der Nutzer aufgrund von Betrug oder Missbrauch in der Krypto-Branche Geld verlieren. Ohne spezifische Regulierung hätten die Behörden kaum Instrumente, um gegen undurchsichtige Plattformen, hochspekulative Derivate und Ponzi-ähnliche Web3-Strukturen vorzugehen. Das Veto lasse ein „digitales Wildwest“ fortbestehen.
Kolejna zawetowana ustawa. Tym razem wbrew klientom i inwestorom rynku kryptoaktywów oraz 🇵🇱 podmiotom. Już teraz 20% klientów traci swoje pieniądze w wyniku nadużyć na tym rynku. Chcieliśmy ich chronić, Prezydent wybrał chaos i bierze pełną odpowiedzialność za swoje działania.…
— Andrzej Domański (@Domanski_Andrz) December 1, 2025
Außenminister und Vizepremier Radosław Sikorski geht noch weiter und spricht offen von Crash-Gefahr. Der Crypto-Asset Market Act sollte als „Mindestschutz“ dienen, bevor eine mögliche Krypto-Blase platze. Sollten bei einem Crash tausende Polen ihre Ersparnisse verlieren, werde die Bevölkerung „wissen, wem sie danken darf“ – eine klare Spitze gegen den Präsidenten.
Befürworter des Vetos widersprechen jedoch und betonen, dass Betrugsbekämpfung auch ohne ein gigantisches Spezialgesetz möglich sei. Strafrecht, Aufsichtsrecht und Anti-Betrugs-Regeln existierten längst. Statt immer neuer Gesetze brauche es vor allem konsequente Ermittlungen und Verurteilungen. Zudem werde ab dem 1. Juli 2026 das EU-weite MiCA-Regime einheitliche Investorenschutzregeln bieten, wodurch eine nationale Überregulierung kontraproduktiv wäre. Während Europa um den richtigen Regulierungsweg ringt, bleibt China seinem harten Kurs treu und hält an der vollständigen Krypto-Verbotslinie fest.
