Paul Atkins, hochrangiger Vertreter der US-Börsenaufsicht SEC, hat mit einer überraschenden Wende in der Kryptopolitik aufhorchen lassen. Bei einem kürzlich abgehaltenen Krypto-Gipfel präsentierte Atkins eine neue „Token-Taxonomie“, die in scharfem Kontrast zur bisherigen Auslegung der US-Wertpapiergesetze steht. Nach seiner Einschätzung sollten die meisten Initial Coin Offerings (ICOs) künftig nicht mehr als Wertpapierangebote gelten – ein Schritt, der erhebliche Auswirkungen auf die Zukunft des Kryptomarkts in den USA haben könnte.
Vier Token-Kategorien, nur eine fällt unter die SEC
Atkins unterscheidet in seiner neuen Klassifikation vier Haupttypen von Tokens:
- Network Tokens (z.B. zur Nutzung von Blockchain-Infrastrukturen)
- Digitale Sammlerstücke (NFTs)
- Digitale Werkzeuge (Utility Tokens)
- Tokenisierte Wertpapiere (z.B. Aktien oder Anleihen auf der Blockchain)
Nur die letztgenannte Gruppe soll seiner Ansicht nach klar in die Zuständigkeit der SEC fallen. Alle anderen Formen seien keine klassischen Finanzinstrumente und sollten daher nicht der strengen Börsenaufsicht unterliegen.
Wechsel zur CFTC: Lockerere Regulierung in Sicht?
Sollte Atkins’ Vision Realität werden, würde ein Großteil der Token-Emissionen unter die Aufsicht der CFTC (Commodity Futures Trading Commission) fallen. Diese Behörde ist traditionell für Rohstoffe und Derivate zuständig – und gilt als kryptofreundlicher und weniger repressiv als die SEC.
Der Paradigmenwechsel wäre besonders für Start-ups und Tech-Firmen in den USA von großer Bedeutung: Statt ihre Projekte aus regulatorischen Gründen nach Europa oder Asien zu verlagern, könnten sie wieder Kapital direkt im Heimatmarkt einsammeln – über ICOs, die nicht mehr automatisch als illegale Wertpapierangebote eingestuft werden.
SEC Chair Paul Atkins said that many types of ICOs should not be considered securities and thus fall outside the SEC’s jurisdiction. He said that network tokens, digital collectibles, and digital tools—and ICOs tied to those categories—should instead fall under the CFTC, leaving…
— Wu Blockchain (@WuBlockchain) December 9, 2025
Die Kehrseite: Mehr Freiheit, aber nicht weniger Risiko
Trotz dieser regulatorischen Öffnung warnt Atkins indirekt vor übertriebenem Optimismus. Auch wenn die SEC sich zurückzieht, bleibt das Risiko für Anleger bestehen. Ein ICO wird nicht automatisch sicherer, nur weil es nicht mehr unter das Wertpapiergesetz fällt. Vielmehr verlagert sich die Kontrolle – von einer Behörde zur anderen, mit unterschiedlicher Intensität.
Gerichte könnten zudem in Streitfällen unabhängig entscheiden, ob ein Token letztlich doch als Wertpapier einzustufen ist – unabhängig von Atkins‘ Klassifikation.
Was bedeutet das für Anleger und Projekte?
Anleger sollten diesen Kurswechsel nicht als uneingeschränkten „grünen Licht“ für ICOs verstehen. Die Vergangenheit – insbesondere die Boom-und-Bust-Phase von 2017 – zeigt, wie viele Projekte trotz großer Versprechen scheiterten oder schlichtweg verschwanden.
Wichtig bleibt: Die rechtliche Einordnung eines Tokens kann sich im Lauf der Zeit ändern. Ein Utility Token kann etwa durch Buybacks, Dividenden oder Gewinnbeteiligungen nachträglich zum Wertpapier werden.
Vor allem gut dokumentierte, dezentral organisierte Projekte profitieren von der neuen Linie. Für sie sinkt das Risiko, pauschal als illegales Wertpapierangebot eingestuft zu werden. Für Investoren bleibt jedoch die Pflicht zur sorgfältigen Analyse – regulatorische Entlastung ist kein Ersatz für Risikomanagement.
Paul Atkins’ Vorschlag zur Neuausrichtung der Token-Regulierung könnte den US-Kryptomarkt tiefgreifend verändern. ICOs hätten wieder eine Zukunft – unter klareren, aber weniger restriktiven Rahmenbedingungen. Dennoch bleibt Vorsicht geboten: Für Investoren wie für Emittenten gilt weiterhin, die rechtliche und wirtschaftliche Substanz jedes Projekts genau zu prüfen.
